
In seiner über 100-jährigen Geschichte erlebte das Hotel an der Ecke Langstrasse/Sihlhallenstrasse eine turbulente Entwicklung vom bodenständigen Quartiergasthof über Rotlichtzeiten bis zum günstigen städtischen Hotel in einem Quartier des schnellen Wandels.
Als «Gasthaus z’Rothaus» wurde es 1891 mit 62 Betten erstellt. Um1896 erwarben Emma und Ernst Huber-Morf die Gaststätte. Ernst Huber kam als Bauernsohn von der Buchenegg am Albis an die Langstrasse. Emma Morfs Eltern betrieben visà-vis eine Bäckerei. Während mehr als 50 Jahren führte Emma mit starker Hand und gleichzeitig als guter Geist den Betrieb. Die Wirtschaft mit ihrem kleinen abgetrennten Sälchen war Treffpunkt verschiedener Quartiervereine und des heute nicht mehr näher bekannten «Montag- und Dienstag-Clubs». Kunden des Coiffeur-Originals Gottfried Stutz, der im Raum des heutigen Imbisses sein Haarschneidehandwerk ausübte, vertrieben ihre reich bemessene Wartezeit mit Wein, Bier, Schnaps und den neuesten Geschichten aus dem Quartier. In der Zwischenkriegszeit logierten viele Artisten und Varietékünstler als Stammgäste im z’Rothaus, so beispielsweise der beinahe vergessene Komiker und Kabarettist Fredy Scheim, der später unter anderem in den Filmen «Ueli der Pächter», «Oberstadtgass» und «Taxichauffeur Bänz» mitspielte. Auch Artisten des Zirkus Knie bezogen ihr Winterquartier im Langstrassenhotel und liessen es sich nicht nehmen, in der Wirtsstube ihre Nummern vorzuführen.
Um 1947 verpachteten Hubers das Hotel. Emma machte aber regelmässig noch Rundgänge und kontrollierte die Sauberkeit rigoros. Schmuddelige Matratzen liess sie an der Sonne auf den Balkonen auffrischen, berichtet an der Wiedereröffnung 2006 eine über achtzigjährige Quartierbewohnerin, die damals als Zimmermädchen im Rothaus arbeitete. Im vierten Stock gab es Sechserzimmer für Arbeitslose und «em Tüfel ab em Charre Gfalleni» für zwei Franken fünfzig; die luxuriösen Zweibettzimmer mit Waschbecken und Wasserkrug kosteten zwölf Franken. Es war die Zeit von Kurt Frühs legendären Filmen «Hinter den sieben Gleisen» und «Bäckerei Zürrer». Der Jüngling Jürg Grau, später Jazztrompeter und Zürcher Stadtplaner, spielte in der Bäckerei Zürrer den Fredi und erinnerte sich kurz vor seinem Tod im Jahr 2006 an die Filmaufnahmen im Hotel Rothaus. Im benachbarten Jazzlokal Memphis und in der Räuberhöhle, dem heutigen Tessinerkeller, spielten Schlüsselszenen: eine sozialkritische Auseinandersetzung, in welcher sich der Schweizer Bäckersohn Heini in die italienische Immigrantentochter Gina verliebt. Migration, Ein- und Ausgrenzung von Fremdem – eine bis zur heutigen Zeit im Kreis 4 sehr virulente Thematik.
In den Siebzigerjahren nahm der Studentische Reisedienst SSR, die genossenschaftlich organisierte Alternative zu Kommerzreisen, das Rothaus in seine Empfehlung auf. Angesehene Künstler wie beispielsweise Robert Frank, Fotograf (des legendären Bildbandes «Der Amerikaner») und Filmemacher, der in den USA lebt, logierten im Kreis 4 Hotel. 1977 erwarben die Gebrüder «Taxi-Meier» das Gebäude. Nach einem Totalumbau durch die Oerlikon-Bührle-Immobilien AG wurde das Hotel mit 85 Betten, englischem Pub und Restaurant wieder eröffnet. Neu waren die Zimmer mit Nasszellen, Warmwasser und WC ausgerüstet. Wie an der Langstrasse üblich, wurde die Küche auch als Snack-Bar mit Wurstgrill über die Gasse betrieben.
1978 und 1988 erfolgten weitere Handwechsel – wohl mit sattem Gewinn. In Drucksachen tauchte der Name «Hotel Derby Rothaus» auf. In den folgenden Jahren der damaligen Immobilienblase drehte das Spekulationskarussell weiter und das Rothaus sah verschiedenste Besitzer. Das Pub wandelte sich schliesslich in den «Selles Club», in ein Strip- und Animationslokal mit Privatnischen und exorbitanten Champagnerpreisen. Das Hotel wandelte den Charakter, es entstand eine Mischung aus Stundenhotel und Herberge für gestrandete Reisende und Sozialhilfebezüger, meistens mit einer Drogenproblematik.
Anfangs des neuen Jahrtausends brachen die Gewinnaussichten im Rotlichtviertel massiv ein, die überhitzten
Liegenschaftspreise zerfielen und etliche Milieulokale zerschellten im Konkurs, so auch das Hotel Rothaus. Mit seiner soliden Bausubstanz landete die heruntergewirtschaftete Liegenschaft im Jahr 2004 auf einer konkursamtlichen Versteigerung im weissen Saal des Volkshauses. Kondome in den Töpfen der künstlichen Pflanzen zur Abtrennung der Separées und Drogen in Hohlräumen von Zimmern standen mit zur Gant. Sich als Teil eines städtischen Veränderungsprozesses sehend, machte es sich die Vetimag AG zum Ziel, aus der Asche des Rotlichtmilieus nicht ein hippes teures Designerhotel zu erstellen, sondern ein gut designtes und attraktives Stadthotel aufblühen zu lassen: das neue günstige Stadthotel Rothaus (ab 2006). Der im Kreis 4 lebende Architekt Beat Jordi bewältigte diese Aufgabe bravourös. Bei der zwar grundlegenden, aber sanften Renovation wurden alle substantiell stabilen Elemente inklusive des Pub-Täfers belassen. Hinter der markanten Backsteinfassade und im kleinen Innenhof-gebäude entstanden 43 auf ein angenehmes Minimum reduzierte Zimmer für Stadt-Touristen, und die Bar mit Imbiss öffnete sich wieder für lokale Gäste. Sporadische Konzerte von einheimischen MusikerInnen und Lesungen in Zusammenarbeit mit der Buchhandlung am Helvetiaplatz setzen heute kleine und besondere Akzente. Unter der Geschäftsführung von Kathrin Sommerauer bildete sich in kürzester Zeit eine Hotel-Stammkundschaft von Kulturschaffenden aus den Bereichen Musik, Film, Theater und Tanz. DJs und Bands von Clubs wie Zukunft und Helsinki, Gastdozenten der ETH, Zürcher KMU Auslandspartner, Kursbesucher, aber auch Touristen aus Deutschland über Spanien, Australien, Südamerika und China frequentieren das Hotel. So stimmte sich auch die Karate Nationalmannschaft Moçambique in frühen Morgenstunden im Hinterhof auf den Einsatz an der Weltmeisterschaft in Zürich ein und belegte danach den fünften Rang.
"Kult Zürich Aussersihl - das andere Gesicht" 2010 Daniel Meili